Montag, 14. November 2011

Fukushima: Japans zweite Atom-Katastrophe



von Sherwood Ross am 10. November 2011

Indem der Schriftsteller Haruki Murakami Fukushima als Japans „zweite massive Atomkatastrophe“ bezeichnete, meinte er „dieses Mal hat niemand eine Bombe auf uns geworfen“, sondern „wir haben den Weg bereitet, wir haben das Verbrechen mit unseren eigenen Händen begangen, wir zerstören unser Land und wir zerstören unser eigenes Leben“.
„Während wir die Opfer sind, sind wir auch die Verursacher. Wir müssen dieser Tatsache ins Auge sehen“, fuhr er fort, „wenn wir es nicht tun, werden wir unweigerlich denselben Fehler wieder tun, irgendwo anders.“
Murakami, dessen Romane „Norwegian Wood“ und „The Wind-Up Bird Chronicle“ u. a. ['Naokos Lächeln', 2001 bei DuMont und der 2. Band als 'Mister Aufziehvogel' 1998 bei DuMont erschienen. D. Ü.] gab diesen Kommentar in einem Interview mit Evan Osnos, der im Magazin „The New Yorker“, Okt. 2011, 17. Ausgabe erschien.
Osnos schreibt über die japanische Reaktion auf das Erdbeben vom 11. März und den folgenden Tsunami, der das AKW Fukushima Daichi an der Ostküste Japans zerstörte.
Er zitiert den Premierminister Naoto Kan, der sagte, dass er fühlte, dass „Japan einem möglichen Kollaps gegenüberstünde“. Kan, 64, trat im August zurück nach breiter Kritik, dass er die Krise schlecht angegangen habe.
Der Journalist Walter Brasch fasste in OpEdNews am 9. November zusammen: „Ein Erdbeben von der Stärke 9.0 auf der Richter-Skala und der nachfolgende 17 m hohe Tsunami führten zur Kernschmelze in drei von Japans Fukushima Reaktoren. Japans Atomaufsichtsbehörde berichtete, dass 31 radioaktive Isotopen entwichen seien. Von der Atombombe hingegen, die Hiroshima am 6. August 1945 traf, wurden 16 radioaktive Isotopen freigesetzt. Die Behörde berichtete auch, dass das freigesetzte radioaktive Caesium die 170 fache Menge der Atombombe gewesen sei, und die Menge des entwichenen Iodine-131 und Strontium-90 dreimal so hoch wie von der Atombombe waren.“
Die Fukushima-Tragödie veranlasste die Betreiber der meisten der 432 AKWs in der Welt, ihre Sicherheitssysteme zu überprüfen oder die Stromerzeugung ganz einzustellen. Einige Länder, sagt Osnos, hatten schon früher den Betrieb der AKWs eingestellt, weil zu gefährlich nach der Kernschmelze in Tschernobyl im April 1986 in der Ukraine.
Die Sowjetbeamten versuchten, die Kernschmelze zu verheimlichen, aber die Enthüllung kam, als eine radioaktive Wolke ein Kontrollgerät in einem AKW nördlich von Stockholm zum Ausflippen brachte. Die Fukushima-Beamten waren weit offener im März, aber die Gebiete, die sie evakuieren ließen, waren kleiner als die, die zu verlassen von US-Beamten ihren Staatsangehörigen vorgeschlagen wurden.
Ein Todesopfer beim Unglück stimmte,  aber dann sagte der Sprecher Yukio Edano von Premierminister Kan: „Lassen Sie mich wiederholen, dass es kein radioaktives Leck gibt und auch keines geben wird.“ Osnos schreibt: „Nach dem Tsunami verbot Tokyo Electric allen Betriebsangehörigen, öffentlich zu reden, und dieses Verbot ist immer noch in Kraft.“ Er fügt hinzu, dass eine Untersuchung Ende Mai zeigte, dass 80% der Bevölkerung „der Information der Regierung über die Atomkrise nicht glaubte“.
Die Fukushima Kernschmelze verbreitete den Atomniederschlag über ein Gebiet von der Größe Chicagos“, fuhr Osnos fort, und Wissenschaftler der Regierung schätzen, dass die gesamte entwichene Strahlung um ein Sechstel größer war als in Tschernobyl. Eine preliminäre Studie von Frank von Hippel, Physiker von der Uni Princeton, sagt, dass aus der Kernschmelze etwa 1000 tödliche Krebsfälle entstehen könnten. Glücklicherweise hat der Atomstaub angeblich nicht Tokyo erreicht, die größte Metropole der Welt mit 35 Millionen Einwohnern. 80 000 Japaner, die nahe am AKW wohnten, wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, wodurch ein paar hübsche Dörfer in Geisterorte verwandelt wurden.
Trotz alldem wollen japanische Politiker nicht die Erzeugung von Atomstrom in ihrem Land einstellen. Osnos schreibt: „Man will wohl einige der ältesten Betriebe schließen, aber der Rest, etwa 36 von 54, soll weitermachen.“
Er zitiert den Wirtschaftsminister, der sagte: „Wir dachten, dass menschliche Wesen – die Japaner – die Atomenergie kontrollieren können durch unsere Intelligenz, unseren Verstand. Sollen wir wegen diesem einen Unfall diese Philosophie aufgeben? Ich glaube nicht.“ Er fügte hinzu, dass er glaube, dass China „hundert oder zweihundert“ AKWs bauen werde und schloss, „ich hoffe, dass unsere Erfahrung für sie eine gute Lektion sein wird“.
Vielleicht wird Fukushima bewirken, dass Japans AKW-Besitzer Warnungen ernster nehmen. Tokyo Electric hat 2009 Warnungen von zwei Seismologen, dass Fukushima durch Tsunamis akut gefährdet sei, in den Wind geschlagen. Außerdem hat Tokyo Electric die Öffentlichkeit gefährdet, knapp ein Dutzend Notfälle den Regierungsbeamten verheimlicht hat. Sie hat auch „hunderte Reparatur-Berichte gefälscht“, schreibt Osnos.
Dieses Muster an Betrügereien in Sicherheitsfragen wirft die Frage auf, wie vieler „Unfälle“ es bedarf, bevor Japan den Kurs mit Atomenergie umlegt. Und sind jene, die an der Strahlung leiden und die aus ihren Häusern vertrieben worden sind, auch berechigt,von Tokyo Electric Entschädigung zu erhalten? Wenn eine private Firma mit so einer großen Verantwortung für die öffentliche Gesundheit, Notfälle verschweigt und nicht auf Unglücke vorbereitet ist, ist sie dann des Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig?
Selbst ohne Erdbeben und Springfluten stellen AKWs eine existentielle Bedrohung für die Menschheit dar. Nicht nur werden riesige Mengen fossilen Brennstoffs benötigt, um das Uran abzubauen und für die AKWs zu veredeln, was die Atmosphäre verschmutzt, sondern den AKWs wird auch erlaubt, jährlich „hundert Curies an radioaktiven Gasen und anderen radioaktiven Elementen an die Umwelt abzugeben“, hebt Dr. Helen Caldicott, eine anti-Atom-Autorität, in ihrem Buch „Atomenergie ist nicht die Antwort“ (The New Press) hervor.
Tausende Tonnen fester radioaktiver Abfälle häufen sich in den Kühlbecken neben den AKWs und enthalten „extrem giftige Elemente, die unausweichlich die Umwelt und die Nahrungsketten verseuchen werden, ein Erbe, das zu Epidemien von Krebs, Leukämie und genetischen Krankheiten in der Bevölkerung über viele Generationen führen wird, die nahe der AKWs oder Lagern mit radioaktivem Abfall leben“, schreibt sie. Zahllose Amerikaner sind bereits tot oder liegen im Sterben wegen unseren AKWs, ein Story, die nicht deutlich erzählt wird.
Amerikanern wird erzählt, dass es durch die Kernschmelze in Three Mile Island (TMI) am 28. März 1979 gegeben habe. Jedoch haben 2000 Bewohner von Harrisburg Krankheitsklagen bei den Betreibern General Public Utilities Corp. und Metropolitan Edison Co., den Eignern von TMI, eingereicht.
Ihre Symptome umfassen Schwindel, Erbrechen, Diarrhöe, Nasenbluten, Metallgeschmack im Mund, Haarausfall, rote Hautausschläge, typisch für akute Strahlenkrankheit, wenn Leute Ganzkörperdosen an Strahlen von etwa 100 rads (Radiation absorbed dose = Messeinheit] erhalten, sagt Caldicott.
David Lochbaum von der Vereinigung betroffener Wissenschaftler glaubt, dass es an AKW-Sichheitsstandards fehle; er sagte schon vor Fukushima eine weitere Atomkatastrophe voraus: „Es geht nicht darum Ob sondern Wann.“
Die Menge an Strahling, die in einem AKW erzeugt wird, ist beinahe unglaublich“, schreibt Caldicott. „Der ursprüngliche Uranbrennstoff, der dem Spaltungsprozess unterworfen wird, wird im Reaktorkern eine Milliarde mal radioaktiver. Ein 1000 Megawatt-AKW enthält ebenso viel langlebige Strahlung, wie bei der Explosion von 1000 Hiroshima-Bomben erzeugt wird.“
Jedes Jahr müssen die Betreiber ein Drittel des radioaktiven Brennstoffs aus ihren Reaktoren entfernen, weil sie mit Spaltungsprodukten verseucht sind. Die Stäbe sind so heiß, dass sie 30-60 Jahre in stark geschützten Gebäuden ständig durch Luft oder Wasser gekühlt werden müssen, damit sie sich nicht entzünden. Und danach müssen sie in Containern verpackt werden. Der Bau dieser hochspezialisierten Container kostet ebenso viel Energie wie der Bau des ursprünglichen Reaktors selbst, was 80 Gigajoule pro Tonne bedeutet“, sagt Caldicott.
Aber was macht schon ein großes Bauprojekt, wenn man nicht dafür bezahlen muss? In der Energie-Rechnung von 2005 hat der Kongress 13 Mrd. $ für die Atomindustrie bereitgestellt. Zwischen 1948 und 1998 hat die US-Regierung die Industrie mit 70 Mrd. $ an Subsidien für Forschung und Entwicklung überschüttet – korporativer Sozialismus, wenn es ihn je gab.
Caldicott betont, dass es wirklich grüne und saubere alternative Energiequellen zur Atomenergie gibt. Sie bezieht sich auf die „Amerikanischen Ebenen“ [= Great plains = Große Ebenen] als das Saudiarabien des Windes, wo auf leicht zu bekommendem Land allein in ein paar Landkreisen von Dakota „wir zweimal so viel Energie erzeugen könnten, wie ganz Amerika gegenwärtig verbraucht“.
Wenn wir nicht nach solchen grünen Alternativen greifen, dann, so warnte Murakami, werden wir wie Japan „dieselben Fehler wiederholen“.


Sherwood Ross ist erreichbar unter sherwoodross10 at gmail dot com
Das Original liegt hier.




Kommentare:

  1. Unser größtes Problem sind die radioaktiven Abfälle.WOHIN DAMIT ? Blauer Planet Good By !

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  2. Nein, unser größtes Problem sind nicht die Abfälle, sondern die Atomlobby, die uns den teuersten und gefährlichsten Strom als den sichersten, billigsten und umweltfreundlichsten verkauft, was tatsächlich immer noch viele Leute glauben. Lies noch mal den obigen Artikel und schau dir an, mit wievielen Milliarden der Atomstrom subventioniert wird!!!! Warum, weil die kriminellen Regierungen weiterhin ihre Atombomben und Atomgranaten herstellen wollen.

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  3. Es gibt die Handlanger, die Ingenieure und Techniker, die vielleicht sogar glaubten, etwas für die Menschheit gutes zu entwickeln. Aber dahinter standen (und stehen immer noch) die großen Planer. Und ich glaube heute, diese Leute haben kein Mitgefühl mehr für andere Menschen, sie sind innerlich abgestorben, streben nur nach immer mehr Geld und Macht. Wer einmal den Tod eines Menschen in Kauf genommen hat oder diesen sogar einkalkuliert, der hat eine Grenze überschritten. Egal ob Atomkraftwerke oder Kriegsmaschinerie, bei uns herrscht eine Todesindustrie. Die müssen wir bekämpfen - killen! (Ist paradox - aber wenn man sich die Helden in amerikanischen Filmen anschaut, tun sie genau das!) Oder doch lieber denen das Geld entziehen? Keine Steuern zahlen - das geht nicht lange gut und solange es nur wenige sind, kratzt es sie nicht wirklich. Ich bin noch auf der Suche nach Lösungen und muß gegen eine Ohnmacht und Verzweiflung ankämpfen, die sich ab und zu breit macht, angesichts der vielen Probleme, die ich überall sehe, die aber sonst kaum einer wahrnimmt.
    Gruß aus Hamburg
    survivor1270

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  4. Ja, min Jong, das ist eine Sache, die ich schon einige Male aufgegriffen habe: alle die Wissenschaftler, Techniker, Akademiker, die ihr Bestes FÛR den Krieg tun, direkt oder indirekt. Die ihn sogar erst ermöglichen. Aber diese ganze Sippschaft bleibt immer außen vor. Denk an die tausenden deutsche Wissenschaftler, die die Amis und die Russen gekidnappt haben, und die in aller Seelenruhe weiter an tödlichen Waffen gearbeitet haben oder in der Spionage oder ideologisch ihr Scherflein beigetragen haben. Da kann einem doch nur übel werden.

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